Dharma als Befreiungsweg

Der eigentliche Sinn und Zweck der buddhistischen Praxis ist, dem Leiden ein Ende zu machen. Das ist letztendlich gleichbedeutend mit der Befreiung aus dem leidvollen, karmisch bedingten Existenzkreislauf. Zuerst aber bedeutet es, durch unsere Praxis mitten im Leben das Abkühlen und die Auslöschung des dreifachen Feuers von Gier/ Anhaftung, Hass/ Abneigung und Verblendung/ falsche Anschauung, das in uns brennt, zu erlangen. Das ist die Bedeutung des Wortes Nirwahn, das wörtlich "Verwehen" heißt, von dem Nibbana (Pali) bzw. Nirvana (Sanskrit) abgeleitet ist. Was verweht? Letztendlich alle Meinungen, Konzepte, Ansichten einschließlich jeder Vorstellung von dem, was wir selbst im absoluten Sinn sein könnten. Absolut bedeutet ursprünglich losgelöst, was im Pali vimutto heißt. Genau dieses Wort hat der Buddha verwendet, als er von der Befreiung gesprochen hat: Ein Befreiter ist absolut geworden, ein Losgelöster, der alles hinter sich gelassen hat.

Der Buddha hat die Ursache und das Ende des Leidens erforscht und die Antwort dazu durch tiefe Einsicht in die Natur alles in Abhängigkeit Entstandenen gefunden. Er ist aus der traumgleichen Illusion falscher Sicht erwacht, d.h. er hat Bodhi verwirklicht und wird deshalb ein Buddha genannt. In seiner ersten Lehrrede hat er die vier Edlen Wahrheiten verkündet: Es gibt Leiden. Es gibt eine Ursache des Leidens. Es gibt die Aufhebung des Leidens. Und es gibt einen Pfad, der aus dem Leiden heraus führt. Dieser ist der Edle Achtfache Pfad, der allen ernsthaft Praktizierenden als Lebensgrundlage dient.

In all den unzähligen Lehrreden, die der Buddha während seiner 45 Jahre dauernden Lehrtätigkeit gehalten hat, beleuchtete er diesen Weg von allen möglichen Seiten, gab viele verschiedene Anweisungen zu seiner Umsetzung für Mönche und Nonnen, die in Zurückgezogenheit praktizieren, und für Menschen, die ihren Alltag mit Familie und Beruf leben. Er lehrte Praxismethoden auf allen Stufen, für Anfänger, die den Weg gerade betreten, bis zu höchsten Unterweisungen für Praktizierende, die tiefes Verständnis entwickelt haben und den Weg in seiner ganzen Tiefgründigkeit verwirklichen möchten.

Alles dreht sich aber um den Kern: Wie kann ich dem Leidenskreislauf entkommem und wie kann ich anderen auf diesem Weg beistehen?

In den späteren buddhistischen Traditionen ist die eigentliche Zielsetzung oft verschoben und der Schwerpunkt ist in die Welt hinein gerichtet. Jedenfalls sieht es so aus, wenn man den Mahayana-Weg mit dem Bodhisattva-Ideal oder manche Vajrayana-Methoden falsch versteht. Erkennt man aber, dass sie auf ihre Weise nur geschickte Mittel sind, um die Anhaftung an der falschen Identifikation des Ich-und-Mein zu lockern und zu transzendieren, werden diese zu hilfreichen Praxismethoden auf dem Weg. Löst man sich dann auch von hochgesteckten Zielen, wie ein Mahasattva-Bodhisattva zu werden oder möglichst schnell Buddhaschaft erlangen zu wollen, und kehrt zu einer tiefen, echten Motivation zurück, die uns anspornen kann, findet man das für uns alle in diesem Leben erreichbare wertvollste Ziel, das der Buddha verkündet hat, den Eintritt in den Strom der Lehre: Sotapatti, die Sotapannaschaft. Sich durch ein Gelöbnis einem weiteren bzw. anderen Ziel zu verpflichten, als es die Befreiung aus der Verstrickung in die Existenz darstellt, steht jedem offen.

Ein Sotapanna erreicht das Feststehen auf dem Weg über den Tod hinaus. Er wird nach den Worten des Buddha vor dem Absturz in niedere Daseinsbereiche endgültig geschützt, wird nur noch höchstens siebenmal wiedergeboren, kann aber bereits in diesem Leben die Einmalwiederkehr, Nichtwiederkehr oder Arahatschaft erreichen, d.h. die vollständige Befreiung von Samsara, dem Leidenskreislauf. (Nach dem frühen Buddhismus ist ein Arahat ein vollkommen befreites, erleuchtetes Wesen. Die Schüler des Buddha, die den Weg vollendet haben, wurden vom Buddha selbst so bezeichnet. Auch der Buddha trägt in den alten Überlieferungen den Ehrentitel Arahat. - Im Gegensatz zur späteren Auslegung dieses Begriffs im Mahayana.)

Ein Sotapanna hat sich dazu von den ersten drei Fesseln befreit, die ihn an Samsara binden: 1. Er hat tiefe Einsicht in Anatta, d.h. dass nichts bedingt Entstandenes in irgend einer Weise ein Ich oder Selbst enthält. 2. Er hat das Hängen an Regeln und Riten aufgegeben, d.h. er verfällt keinem Aberglauben mehr. 3. Er hat die Zweifelsucht durchgeschnitten, d.h. er hat durch eigene Erfahrung alle Zweifel an den Aussagen des Buddha aufgegeben.

Wenn wir unsere Praktizierenden auf diesem Weg anleiten, geben wir ihnen das Wertvollste, was wir ihnen in diesem Leben vermitteln können. Sie sind auf dem Weg zur Befreiung für immer gesichert und gehen dieser Befreiung unumstößlich entgegen. Andere Ziele können zu Hindernissen werden, die Praktizierende oft eher noch mehr durch Abhängigkeit, Geschäftigkeit oder Erwartungen an Samsara binden anstatt Ihnen den Weg frei zu machen, wenn sie nicht richtig verstanden und praktiziert werden.

Dazu sei hier besonders angemerkt, dass das in den späteren Traditionen des Mahayana und Vajrayana so hoch geschätzte Mitgefühl oft sehr missverstanden und eher auf die relative Ebene bezogen wird. Auf dem vom Buddha gelehrten Weg aber ist es eine geistige Qualität, die sich durch die Praxis entwickelt und in einer tiefen Weise ein überweltliches Zeichen und Ergebnis des Fortschreitens auf dem Befreiungsweg ist. Ein letztendlich von Samsara befreites Wesen ist natürlicher Ausdruck unbegrenzter, bedingungsloser Liebender Güte, die frei ist von jeglicher Bindung durch Ich-und-Mein-Denken, Egozentrik und allen damit verbundenen Geistesgiften. Wenn wir die Lehrreden anschauen, erkennen wir diesen Weg in seiner ganzen Klarheit und Tiefe. Und wir sollten ihn nicht durch irgendwelche anderen Ziele unseren Praktizierenden vorenthalten. Dafür ist das kurze menschliche Leben zu kostbar für alle diejenigen, die den Weg gefunden und betreten haben.

Welche Praxismethoden wir auch immer üben - nur eines ist wichtig: Wenn wir feststehen auf dem Weg, liegt der ganze Weg offen vor uns. Wie die Chan-Meister sagen: Dann erfüllen sich alle Gelöbnisse von selbst. Dann befreien wir alle Wesen in unserem eigenen Geist, löschen Samsara aus und sind frei. (Sutra von Hui Neng)

Die Einheit der Drei Yanas, wie wir sie im Dharma-Tor praktizieren, umfasst alles. Aber der Schwerpunkt liegt darauf, das naheliegende Ziel als Motivation zu erkennen und darauf aufbauend den Weg zu verwirklichen.

 

Deshalb ist eines meiner wichtigsten Anliegen, Inhalte und Methoden der späteren Traditionen mit der Quelle des Buddhadharma zu verbinden, um Missverständnisse und spätere Auslegungen in konstuktiver Weise zu erkennen, aufzudecken und aufzulösen, soweit es möglich ist. Für eine gesunde Integration des Buddhadharma in all seinen Facetten, die wir hier im Westen vorfinden, ist das unvermeidlich. Und wie ich weiß, bin ich mit diesem Anliegen nicht allein. So manchen westlichen Dharmalehrern, die die verschiedenen Traditionen aus eigener Praxiserfahrung kennen, liegt dies am Herzen.

Um dazu in besonderer Weise beizutragen und mit Anderen, die dieselbe offene Geisteshaltung haben, in Kontakt treten zu können, habe ich die Webseite "Dharmawolke" kreiert:

www.dharmawolke.com

 

Lebenskraft

 

Ani Karma Tsultrim